Mülheims Masterplan

Neues aus Mülheim: Wie die WAZ zuletzt am 07.04.2017 vermeldete, soll die Leineweberstraße – und damit wohl die letzte Allee in der Mülheimer Innenstadt – nun „freundlicher gestaltet werden“ (Link). Das bedeutet nach dem Geschmack der Mülheimer Politiker mal wieder: Abholzen, was das Zeug hält. Nachdem für das umstrittene Ruhrbania-Projekt schon trotz zahlreicher Bürgerproteste das Gartendenkmal der Ostruhranlagen samt wertvollen alten Baumbestand plattgemacht wurde, soll es bereits in diesem Jahr zwölf Platanen der Leineweberstraße an den Kragen gehen – um Platz für drei (!) Parkplätze zu schaffen. Insgesamt sind nur zwei Ersatzpflanzungen vorgesehen.

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Die Leineweberstraße ist eine der ganz wenigen grünen Oasen inmitten der Stadt Mülheim. Dass dort einige Leerstände zu beklagen und nicht so viele attraktive Geschäfte zu finden sind, wird ganz sicher nicht an den schönen alten Bäumen liegen. Lt. WAZ-Artikel vom 08.02.2017 (Link) geht die Stadtverwaltung davon aus, dass die massive Ausdünnung von fast jeden zweiten Baum den Alleecharakter nicht einschränken wird – was allerdings nur sehr schwer vorstellbar ist. Denn die Leineweberstraße ist gerade wegen ihrer relativ hohen Anzahl an alten Bäumen besonders attraktiv, bietet vor allem in den Sommermonaten eine angenehm kühle Atmosphäre unter einem dichten grünen Blätterdach. Die Idee, unbedingt mehr Licht in diesen Bereich bringen zu wollen, wird keine Verbesserung darstellen, denn ohne das viele Grün wird dann nur eines überdeutlich: Dass die Straße außer relativ hässlichen Geschäftshäusern nicht viel zu bieten hat (siehe Foto). In der PDF „Masterplan öffentlicher Raum Mülheim an der Ruhr 2015“ (Link) kann selbst die schöne Animation auf Seite 24 nicht darüber hinwegtäuschen. Hier ist übrigens auch erkennbar, dass die Planung von völlig anderen Bäumen ausgeht. Wie schon bei Ruhrbania liegen also offensichtlich Welten zwischen Entwurf und Realität.

Jetzt hat das Amt für Stadtplanung, Bauaufsicht und Stadtentwicklung alle interessierten Bürgerinnen und Bürger zu einem Info-Abend eingeladen: Donnerstag, den 27.04.2017 ab 18:00 Uhr in der Dezentrale, Leineweberstraße 15-17. Veranstaltungen dieser Art sind in der Regel deprimierend, weil sie an der bereits beschlossenen Sache nichts mehr ändern können. Ich bin aber trotzdem mal gespannt, ob die Kosten, für die die Anlieger nun entgegen der ursprünglichen Planung aufkommen sollen, ein Thema sein werden. Hätte man sich auch für die Umgestaltung entschieden, wenn die vorher bekannt gewesen wären? Und warum wurde der Landschaftsbeirat zu der Lichtung der geschützten Allee nicht befragt? Der hätte bei Änderungen dieser Art nämlich ein Vetorecht gehabt.

Happy, holy & confident

Um mir die Zeit bis zu meinem nächsten Audible-Abo-Hörbuch zu vertreiben, höre ich übrigens ab und zu Podcasts. iTunes bietet eine Riesen-Auswahl an kostenfreien Sendungen zu allen möglichen Themenbereichen. Vor einigen Monaten stolperte ich zufällig über „Happy, holy & confident. Dein Podcast fürs Herz und den Verstand“ von Laura Malina Seiler (siehe auch: www.lauraseiler.com). Die herausragenden Kritiken hatten mich neugierig gemacht: Könnte ein Life Coach mir irgendetwas Interessantes erzählen? Würde mich das irgendwie weiterbringen?

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Die Antwort lautet beide Male: JA! Laura Malina Seiler kann das auf jeden Fall. In jeder ihrer Podcast-Folgen sprüht sie nur so vor Energie und Begeisterung und das steckt an. Wann immer mich das Elend dieser Welt herunterzieht, genügt nur eine Podcast-Folge, um mich wieder in Richtung Optimismus einzunorden. Manchmal frage ich mich, wozu man eigentlich noch eine Coaching-Stunde bei ihr buchen soll, wo sie doch schon jede Woche über alles, was inspiriert und motiviert, gratis spricht. Zudem bietet sie kostenlose Meditationen und Webinare an (aktuell den „Spiritual Sunday“ jeden Sonntag live um 9:00 Uhr). Aber ihr Konzept scheint offenbar aufzugehen: Ihre erfolgreiche Podcast-Serie hat ihr eine treue Fan-Gemeinde beschert, die auch gerne ihre kostenpflichtigen Programme in Anspruch nimmt.

Hin und wieder hat Laura Malina Seiler ganz interessante Gäste in ihrer Sendung. So z.B. in der Folge vom 29.03.17 den Magier und Hypnotiseur Thimon von Berlepsch. Die Möglichkeit, dass man Menschen, wenn sie nur offen und bereit sind, den eigenen Verstand kurz auszuschalten, zu völlig absurden Annahmen bringen kann (z.B. dass sie glauben, der Hypnotiseur sei unsichtbar – sie können ihn dann tatsächlich nicht sehen), finde ich ausgesprochen faszinierend und damit erkläre ich mir neuerdings auch das Massenphänomen der deutschen Willkommenskultur. Es muss irgendetwas mit einer posthypnotischen Suggestion zu tun haben, wenn Menschen alles, was dagegen spricht, alle Armen dieser Welt nach Deutschland einzuladen – z.B. die Verbreitung von Islamismus, Kriminalität und Terrorismus – so komplett ausblenden können und unsere Medien spielen dabei eine wichtige Rolle. Aber das ist natürlich ein anderes Thema.

In einer Podcast-Folge wird übrigens geraten, kaum oder am besten gar keine Nachrichten zu verfolgen. Das könnte der Grund für Laura Malina Seilers ausgesprochen gute Laune sein. Vielleicht sollte ich diesen Rat einfach mal beherzigen.

SuB-Challenge: Der Wunschpunsch

Genauer gesagt (dieses eine Wort hatte ich auf dem Titel immer überlesen) „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ von Michael Ende. Meine Challenge für den Monat März bestand darin, dieses Buch aus meinem Stapel ungelesener Bücher zu lesen oder ihm wenigstens eine Chance zu geben.

Wer bereits „Momo“ oder „Die unendliche Geschichte“ verschlungen hat, wird sicherlich auch an diesem Kinderbuch seine Freude haben. Schon im ersten Kapitel gelingt es Michael Ende eine Spannung aufzubauen: Wer ist der Wunschpunsch? Wird Irrwitzer seinen bösartigen Auftrag bis Mitternacht erledigen können? Die immer wieder abgebildete Uhr mit dem immer weiter vorrückenden Zeiger steigert die Dramatik und macht Lust auf die nächsten Seiten. Als ich dann auf Seite 22 war, kam mir leider etwas dazwischen:

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Ein wenig Leben

Den imposanten Roman von Hanya Yanagihara hätte ich in Buchform wahrscheinlich nicht gekauft – die Geschichte von vier Freunden (Jude, Malcolm, JB und Willem), erzählt über mehrere Jahrzehnte, schien mir nicht interessant genug, um stundenlang über diesem Wälzer zu sitzen. Als Audible dann aber verkündete, dass mein neues Guthaben verfügbar ist, ließ ich mich doch dazu hinreißen. Schließlich gibt es bei Audible auch die Möglichkeit, Hörbücher bei Nichtgefallen einfach umzutauschen. Die Spieldauer von „Ein wenig Leben“ beträgt fast 36 Stunden und ist damit das bisher längste Buch, das ich gehört habe und was soll ich sagen: Ich habe bisher keine einzige Stunde davon bereut.

Hanya Yanagihara ist, denke ich, tatsächlich ein Meisterwerk gelungen. Es geht in diesem Roman nicht nur um Freundschaft, sondern um wirklich ALLES, was Beziehungen ausmacht: Liebe, Hass, Erwartungen, Enttäuschung, Nähe, Distanz, Vertrauen, Misstrauen, Streit, Versöhnung, Freud und Leid. Sie schildert abgrundtiefe, schwer zu ertragende Grausamkeiten, aber auch rührende Anteilnahme in einer so mitreißenden Art und Weise, dass die Stunden nur so verfliegen. An einer einzigen Sache habe ich mich allerdings erst gestört: In dem Buch kommt andauernd der Satz „Es tut mir leid“ vor. Hätte ich daraus ein Trinkspiel gemacht, also für jedes „Es tut mir leid“ einen Schnaps gekippt, wäre ich wohl mittlerweile Alkoholikerin. Am Anfang habe ich mich noch gefragt, wie der Lektor diese ständigen Wiederholungen übersehen konnte. Mittlerweile denke ich aber, dass das durchaus so gewollt war. Alle Personen in diesem Beziehungsgeflecht leiden auch an der einen oder anderen Stelle und das ist offenbar eine der Grundaussagen dieses Romans: Liebe ist ohne Leid nicht möglich. Drei Stunden muss ich noch hören, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es darauf hinausläuft.

Den Wunschpunsch werde ich im Anschluss weiterlesen. Und dann ist da ja auch noch meine April-Herausforderung: „Süchtig nach Leben“ von Peggy Parnass. Darüber dann mehr in vier Wochen.

Literaturangaben:

„Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“
von Michael Ende
K. Thienemanns Verlag in Stuttgart – Wien

„Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara
Gesprochen von Torben Kessler
(Anbieter: HörbucHHamburg HHV GmbH)
Carl Hanser Verlag GmbH & Co KG

Neue Serie: Dinge, die es früher nicht gab

1.) Gebrauchsanweisung für Streichhölzer.

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SuB-Challenge: Juist – ein Lesebuch

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Hinweisschild auf Juist

Meine Februar-Herausforderung (Juist – ein Lesebuch/herausgegeben von Christine Brückner) habe ich mit Leichtigkeit bewältigt. Endlich! Meine Mutter hatte das Ullstein-Taschenbuch vor Ewigkeiten in der kleinen Juister Buchhandlung gekauft und mir geliehen. Jetzt weiß ich auch, warum. Das Buch ist – wie der Untertitel schon verrät – tatsächlich eine „Liebeserklärung in Texten, Versen und Bildern“. Für mich als alter Inselhase war die Lektüre ein echter Genuss. Juist ist so etwas wie ein Stück heile Welt: der lange weiße Sandstrand, die roten Backsteinhäuschen, das Pferdegetrappel in den kleinen Straßen, das urige Insel-Kino und die Geschäfte, die noch Mittagsruhe halten. Die Domäne Bill und der Hammerteich, die Radtouren bis zum Ende der Insel und zurück… das alles kenne ich schon seit Kindertagen und es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dort nichts wesentlich verändert. Dass es auch schon Jahrzehnte vor meiner Geburt so war, konnte ich nun nachlesen. Egal, ob es um die Badesaison in den 30er-Jahren oder die Nachsaison Mitte der 60er-Jahre geht – auf dieser Insel scheint die Zeit einfach stehengeblieben zu sein. Juist hat sich einen ganz besonderen Zauber bewahrt und beim Lesen dieses Buches wurde ich immer wieder daran erinnert.

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Ich kann mir vorstellen, dass dieses Lesebuch nicht nur für Juist-Kenner eine wahre Schatztruhe ist. Christine Brückner ist es gelungen, eine wirklich abwechslungsreiche Sammlung zusammenzutragen: heitere, aber auch melancholische Kurzgeschichten, Gedichte und Zeichnungen. Ich habe noch überlegt, dass ich später unbedingt den einen oder anderen interessanten Autor mal googeln sollte, aber selbst daran hatte Christine Brückner gedacht: Im Anhang befinden sich ausführliche biografische Hinweise und Quellennachweise. Eine besonders außergewöhnliche Juist-Geschichte wurde übrigens unter einem Pseudonym verfasst (Maerbodsheim: „Wenn Henny badet“). Schade, dass es von dem Autor offenbar nicht mehr zu lesen gibt – das Internet weiß jedenfalls nichts über ihn.
„Juist – ein Lesebuch“ ist nur noch gebraucht erhältlich. Auf Amazon.de wird es für lächerliche 0,01 Euro angeboten. Ich kann es auf alle Fälle empfehlen.

Der Weg zur Hölle…

…ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. Ja, das Leben ist zu kurz, um schlechte Bücher zu lesen – ich bin raus, habe die „Save your SuB-Challenge 2017” abgebrochen. Margaret Atwoods „Die Unmöglichkeit der Nähe“ konnte ich gerade mal bis Seite 64 ertragen.

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Das Problem dieses Romans: Die ganze Geschichte (es geht um eine Dreiecksbeziehung) wirkt so furchtbar konstruiert, wie ein Schreibexperiment. Die Autorin hatte es wahrscheinlich für einen gelungenen Einfall gehalten, andauernd aus den unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen, aber leider geben alle Figuren (Elizabeth, Nate, Lesje) dasselbe Bild ab: melancholisch, gelangweilt, selbstgrüblerisch. Damit lässt sich zwar hervorragend das eigentliche Thema – nämlich die Unmöglichkeit der Nähe – erklären, nur entsteht dadurch auch das Dilemma, dass es den Lesern ebenfalls kaum möglich ist, auch nur ansatzweise eine Nähe zu empfinden und Interesse für diese Personen zu entwickeln. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sich das auf den nächsten 271 Seiten ändern wird.

Stattdessen habe ich wieder bei Audible zugeschlagen. Nachdem mich Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ fast restlos begeistert hatte, habe ich mir nun auch „Alle Toten fliegen hoch: Amerika“ angehört. Tierfreunden und Zartbesaiteten kann ich davon nur dringend abraten. Kommt in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ schon eine recht verstörende Szene mit einem Zoobewohner vor, beschreibt Meyerhoff in „Alle Toten fliegen hoch“ die wohl schlimmsten Tierquälereien, die überhaupt möglich sind. Bei einem Hörbuch, das eigentlich von den Erfahrungen eines Austauschschülers in den USA handelt, habe ich so etwas einfach nicht erwartet. Gerade, wenn ich die Bilder der einen Misshandlung halbwegs verdrängt hatte, kam Meyerhoff nach allgemein heiteren Schilderungen des amerikanischen Schulalltags unerwartet schon wieder mit der nächsten um die Ecke. Als es dann gegen Ende um das Angeln von Aalen geht, war ich schon fast geneigt, vorzeitig abzubrechen, weil ich die eine widerliche Horror-Szene, die sich in einer chinesischen Schlachterei abspielt, noch gar nicht verkraftet hatte. Ich hielt dann doch durch, ärgere mich aber immer noch, dass ich mir dieses Hörbuch überhaupt angetan habe.

Und deshalb lautet die Devise: Nie wieder ein schlechtes Buch, auch nicht im Rahmen einer Challenge. Aktuell langweile ich mich übrigens mit dem neuen Roman von Jonathan Safran Foer: „Hier bin ich.“ Es geht um die Geschichte einer gescheiterten Ehe. Die ganze Tristesse kenne ich schon aus Margaret Atwoods „Die Unmöglichkeit der Nähe“: Monotonie, Sprachlosigkeit etc. Gut, weil es wieder ein Hörbuch ist, kann ich dabei wenigstens bügeln und Geschirr spülen. Aber fast 12 Stunden lang bei der Hausarbeit immer nur diese öde Beziehungsgeschichte? Manchmal frage ich mich, wie viele Bücher-Bestseller eigentlich tatsächlich ganz gelesen werden. Ich tippe auf 30 Prozent.

Literaturangaben
Margaret Atwood: Die Unmöglichkeit der Nähe
Claassen Verlag GmbH

Hörbücher
Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Gesprochen von Joachim Meyerhoff
Random House Audio, Deutschland

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch: Amerika
Gesprochen von Joachim Meyerhoff
Random House Audio, Deutschland

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich
Gesprochen von Christoph Maria Herbst
Argon Verlag

Nachtrag: Viktoria schreibt mir gerade, dass es nur darum geht, den Büchern aus dem SuB überhaupt eine Chance zu geben! Ich bin also weiter mit dabei!!! 😀 Mein nächstes Projekt: Juist – ein Lesebuch. Herausgegeben von Christine Brückner.

Aus gegebenem Anlass

Seit gestern quäle ich mich im Rahmen meiner Lesechallenge durch „Die Unmöglichkeit der Nähe“ von Margaret Atwood (erstmalig erschienen 1979). Früher hatte ich mal einige Bücher von ihr regelrecht verschlungen, aber dieser Roman ist so…. anstrengend. Im Grunde ein vollkommen unmögliches Buch einer eigentlich ganz großartigen Schriftstellerin. Wundert mich nicht, dass es auf lovelybooks.de so vernichtende Kritiken bekommen hat: „Das war daneben.“ und „…die Geschichte gefällt mir gar nicht.“ Allerdings hat mich dieser eine Satz auf Seite 13 wirklich gerührt:

„Er stellt die Tasse Tee auf den Nachttisch, neben den Radiowecker, der sie jeden Morgen mit fröhlichen Frühstücksnachrichten weckt.“

Ist das nicht schön? Es gab tatsächlich mal eine Zeit mit fröhlichen Frühstücksnachrichten. Jeden Morgen. Das wünsche ich uns für dieses Jahr: wieder mehr gute Nachrichten. Jeden Morgen. In diesem Sinne:

Happy new year 2017

Zitat aus: Die Unmöglichkeit der Nähe von Margaret Atwood, Claassen Verlag GmbH.